04. Januar 2012

Vom St. Marien nach Sierra Leone

Erfahrungsbericht von Sigrid Bujack-Blecher

Sigrid Bujack-Blecher arbeitete 20 Jahre als Krankenschwester, inzwischen ist sie selbstständig und arbeitet in Hamburg. Ihren Beruf erlernte sie im St. Marien-Krankenhaus Siegen. Begleitet hat sie seit ihrer Ausbildung immer der Traum, einmal im Entwicklungsdienst zu arbeiten. Weit weg von Deutschland, an einem Ort, wo die Menschen auf Hilfe von außen angewiesen sind. Doch wann ist der passende Zeitpunkt, für mindestens sechs Monate ins Ausland zu gehen und zuhause alles stehen und liegen zu lassen? "Wahrscheinlich nie so richtig, aber vor einem Jahr waren die Bedingungen günstig. Die Kinder waren aus dem Haus, ich war selbstständig und auch mein Mann hat mich bei meinem Vorhaben unterstützt", sagt Sigrid Bujack-Blecher.

Nachdem die 47-Jährige Ende 2010 Kontakt zu mehreren Hilfsorganisationen aufgenommen hatte, entschied sie sich für ein Projekt bei Cap Anamur. "Dann ging alles ganz schnell, Anfang Januar war klar, dass ich für sechs Monate in ein Krankenhaus nach Sierra Leone gehen würde, Mitte Januar war der Abflug", erzählt Bujack-Blecher. Kaum in der Hauptstadt Freetown gelandet, ging es in das örtliche Kinderkrankenhaus. "Ich war schon in Asien und Südamerika, aber in Sierra Leone war der Kulturschock wirklich groß", sagt die begeisterte Sportlerin. Hinzu kam, dass urlaubsbedingt keine deutschen Kollegen mehr vor Ort waren, um Bujack-Blecher und ihre Kollegen einzuführen.

Nach dem ersten Schock über die Zustände in dem Krankenhaus, galt es für die zwei Ärzte und Schwestern aus Deutschland zunächst einmal, Struktur in die Arbeitsabläufe zu bringen. "Es gab nicht einmal Desinfektionsmittel; bei Spritzen wurde mit Kochsalzlösung gearbeitet, Abszesse bei den Patienten waren die Folge. In den Schubladen für die Medikamente war alles voller Kakerlaken und mehrere Kinder waren an ein Sauerstoffgerät angeschlossen. Das ist völlig sinnlos", erzählt die Krankenschwester. Das Wichtigste sei zunächst einmal gewesen, Medikamente zu besorgen und die Verteilung zu organisieren.

Sierra Leone ist von jahrelangem Bürgerkrieg gezeichnet, der Wiederaufbau gelingt nur schleppend. Seit einiger Zeit gibt es ein staatliches Programm für eine kostenlose medizinische Behandlung von Kindern unter fünf Jahren. "In der Praxis ist das aber kaum umzusetzen, es fehlt ja schon an den Medikamenten", sagt Bujack-Blecher. Das westafrikanische Land sei auf Hilfe von außen angewiesen. Ein großes Problem sei auch der Aberglaube vieler Menschen. "Das führt dazu, dass Kinder oft erst viel zu spät zu uns gebracht werden. Auch Blutspenden widersprechen dem Glauben der Menschen", erzählt die Wahl-Hamburgerin. Das ziehe sich durch die gesamte Gesellschaft.

Erst jetzt nach ihrer Rückkehr nach Deutschland beginnt Sigrid Bujack-Blecher mit der emotionalen Aufarbeitung der Zeit. "Im Krankenhaus habe ich eigentlich hauptsächlich funktioniert, erst jetzt merke ich, dass es mir auch ganz schön nahe gegangen ist. In Freetown hat es sehr geholfen, dass wir untereinander viel miteinander gesprochen haben", sagt die 47-Jährige. Auf die Frage nach einem positiven Erlebnis, sagt Bujack-Blecher: "Glücklich war ich immer dann, wenn ich morgens zum Dienst gekommen bin und keine Kinderleiche gesehen habe. Das bedeutete, dass alle Patienten die Nacht überlebt hatten." Bei ihrer täglichen Arbeit war sie Pflegekraft, Mentorin, Buchhalterin, Seelsorgerin und Apothekerin gleichzeitig. Meist hat sie aber die hauseigene Apotheke des Krankenhauses betreut. Medikamente verwalten, Bestellungen aufgeben und aufpassen, dass die korrekt verwendet werden. "Wenn wir Medikamente eingekauft haben, konnten wir nicht einfach in eine Apotheke an der Straße gehen. Dort werden oft nur Placebos verkauft. Richtige Medikamente sind für die meisten Menschen unerschwinglich", sagt sie. Begeistert war Sigrid Bujack-Blecher aber jeden Tag wieder von der Lebensfreude und Herzlichkeit der Menschen in dem westafrikanischen Land. "Ich glaube, ich habe noch nie so viel getanzt. Sobald irgendwo Musik ertönte, waren alle auf den Beinen und strahlten pure Lebensfreude aus", sagt sie.

Die sechs Monate in Freetown seien trotz aller Widrigkeiten eine großartige Erfahrung gewesen. Die Zeit in Sierra Leone hat die 47-Jährige Krankenschwester auch nachdenklich gemacht. "Einmal kommen viel zu wenig Spenden wirklich direkt an. Korruption ist ein großes Problem. Außerdem sollten wir uns doch häufiger fragen, woher eigentlich unser Bio-Sprit kommt oder warum es Rosen für weniger als zwei Euro zu kaufen gibt", sagt Bujack-Blecher.

Am 19. Januar 2012 von 15.00 bis 16.30 Uhr wird Sigrid Bujack-Blecher im Neuen Hörsaal (5.Obergeschoss) des St. Marien-Krankenhauses Siegen einen Vortrag mit Bildern halten und über ihre tägliche Arbeit berichten.