21. Oktober 2026
„Die Zukunftsfähigkeit von Krankenhäusern entscheidet sich im Technikraum“
20. Krankenhaus-Umwelttag NRW im Zeichen von Klimaschutz und Resilienz
© 7. Fachmesse Krankenhaus Technologie der Fachvereinigung Krankenhaustechnik e. V. (FKT) im Wissenschaftspark Gelsenkirchen (Fpto: KGNW)
Rekordhitze, Hochwasser und steigende Energiekosten bei gleichzeitig höheren Anforderungen an Sicherheit und Krisenfestigkeit: Klimaschutz und Resilienz sind auch für Krankenhäuser zu zentralen Herausforderungen geworden. Im Rahmen der 7. Fachmesse Krankenhaus Technologie der Fachvereinigung Krankenhaustechnik e. V. (FKT) fand Ende September 2026 der 20. Krankenhaus-Umwelttag NRW statt – ein kleines Jubiläum seit Premiere im Jahr 2005. Im Wissenschaftspark Gelsenkirchen bot die Veranstaltung, die von der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (KGNW) gemeinsam mit dem Arbeitskreis „Umweltschutz im Krankenhaus NRW“ und der FKT ausgerichtet wurde, eine ideale Plattform für den Austausch über Innovationen und praxisnahe Lösungen. Fachvorträge, die integrierte Sitzung des Arbeitskreises sowie zwei Workshops zu Umweltrecht, Resilienz und Nachhaltigkeit verbanden Theorie und Praxis.
Resilienz – das neue Leitmotiv für Kliniken
Nach der Begrüßung durch Dr. Georg Rüter, Vorsitzender der Kommission Klima- und Umweltschutz der KGNW, hielt Dipl.-Ing. Matthias Vahrson (Foto), Leiter Baumanagement bei FACT GmbH, Münster, und Vizepräsident der Fachvereinigung Krankenhaustechnik e. V. (FKT), die Keynote mit dem Titel „Technik, Klima, KI – Wie Krankenhäuser resilient und zukunftsfähig werden: Herausforderungen, Risiken und Perspektiven für die Krankenhausinfrastruktur“.
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Matthias Vahrson
Dabei stellte er folgende These auf: „Die Zukunftsfähigkeit eines Krankenhauses entscheidet sich nicht mehr nur im OP oder auf der Station – sie entscheidet sich in den Technikräumen, im Rechenzentrum, in der Gebäudetechnik. Vor diesem Hintergrund müssen Krankenhäuser lernen, nicht nur auf Störungen zu reagieren, sondern sich strategisch darauf vorzubereiten.“
Für ihn ergeben sich die aktuellen Herausforderungen der Krankenhäuser insbesondere aus folgenden Entwicklungen:
- Klimawandel mit Hitzeperioden, Starkregen und Wasserknappheit
- Volatile Energiepreise
- Weniger gesetzliche Vorgaben zur Nachhaltigkeit bei gleichzeitig steigenden Anforderungen an die Resilienz
- Komplexere und kritischere Technik
- Demografischer Wandel (bei Patientinnen und Patienten sowie Mitarbeitenden)
- Begrenzte finanzielle Mittel
Resilienz ist für den Experten das neue Leitmotiv für Kliniken. Er zeigte detailliert auf, in welchen Bereichen Krankenhäuser bei Klima, Digitalisierung und Infrastruktur nachbessern müssen. An erster Stelle nannte Vahrson die Klimatisierung der Patientenbereiche. Im Bereich Klimaschutz komme es zudem auf die digitale Überwachung und Steuerung relevanter technischer Anlagen an. Mit Blick auf die Infrastruktur sieht er langfristig das energieautarke Krankenhaus als Zielbild. Auch der digitalen Überwachung und Steuerung technischer Anlagen komme eine Schlüsselrolle zu.
Belastbares Gesamtsystem im Krankenhaus statt vieler Einzelprojekte
Digitale Risiken, etwa durch Sabotage, Cyberangriffe, IT- und Kommunikationsstörungen, die zunehmende Vernetzung nach innen und außen oder Stromausfälle, lassen sich laut Vahrson durch geeignete Schutzmaßnahmen minimieren. Dazu trägt auch das KRITIS-Dachgesetz bei, das Sicherheitskonzepte für den Schutz sensibler Technikbereiche festschreibt. Kliniken müssen ihre technische, bauliche und organisatorische Widerstandsfähigkeit deshalb systematisch analysieren, absichern, dokumentieren und auch im Krisenfall beherrschbar machen.
Konkret beschrieb der Resilienzexperte eine präventive und zustandsorientierte Instandhaltung mit dem Ziel, ein belastbares Gesamtsystem statt vieler isolierter Einzelprojekte zu schaffen – „digital, nachhaltig und flexibel“. Dazu gehören:
- Energetische Sanierung technischer Anlagen
- Effiziente Lüftungskonzepte
- Wärmerückgewinnung
- Lastmanagement
- Eigenstromerzeugung, etwa durch Photovoltaik
- Räumliche Trennung kritischer Systeme
- Sanierung in den Technikbereichen
- Trassen-, Schacht- und Medienreserven
- Selektive Absicherung und eine saubere Netzstruktur
- Segmentierung sensibler Nutzungsbereiche
- BIM als Planungs- und Betriebsgrundlage
- Digitaler Zwilling als Planungshilfe
Dabei spielen Medizinstrategie und Technik ebenso eine wichtige Rolle wie Bau und Betrieb. Denn: „Digitalisierung erhöht nur dann die Resilienz, wenn sie organisatorisch eingebettet und im Betrieb nutzbar ist.“
Künstliche Intelligenz (KI) kann bei der vorausschauenden Instandhaltung helfen, etwa durch die Auswertung großer Datenmengen. Aber Vahrson warnte auch: „KI darf unterstützen, aber sicherheitskritische Entscheidungen nicht unkontrolliert automatisieren!“
Nach der Sitzung des Arbeitskreises „Umweltschutz im Krankenhaus NRW“ folgten am Nachmittag des Krankenhaus-Umwelttags NRW zwei Workshops zu den Themen „Orientierung im Rechts-Dschungel – Neues aus dem Umweltrecht“, initiiert vom Arbeitskreis, sowie zu „Resilienz und Nachhaltigkeit“.
Navigation durch den „Rechts-Dschungel“
Der juristische Bereich wird zunehmend komplexer, wie Julian Hirschberg, Rechtsanwalt für Umweltrecht, Arbeitsschutzrecht und Energierecht aus Münster, erläuterte. Als Beispiele nannte er:
- Nachhaltige Verpackungen aufgrund der neuen europäischen Verpackungsverordnung (PPWR) und des nationalen Verpackungsrecht-Durchführungsgesetzes (VerpackDG). Dabei wird sehr genau zwischen verschiedenen Verpackungstypen unterschieden – von der Transport- bis zur Serviceverpackung, die jeweils unterschiedlichen Anforderungen und Pflichten unterliegen.
- Die EU-EmpCo-Richtlinie („Empowering Consumers for the Green Transition“) verbietet seit dem 27. September 2026 irreführende Umweltwerbung und Greenwashing. Werbung mit umweltbezogenen Aussagen soll deutlich stärker reguliert werden.
- Abfallsammlung auf Grundlage der Gewerbeabfallverordnung (GewAbfV). Die Dokumentation soll strenger kontrolliert werden.
- Umweltstrafrecht.
Resilienz mit Klimaschutz zusammenbringen
Wie Krankenhäuser in Zeiten zunehmender Umweltbelastungen, digitaler Risiken und wachsender Anforderungen an die Infrastruktur Resilienz und Klimaschutz miteinander verbinden können, zeigte der zweite Workshop. Luise Billen (Foto), Circularity Manager bei der CIRCULARMED GmbH in Bonn, erläuterte, wie Krankenhäuser Kunststoffe effizienter und wirtschaftlicher nutzen können. Dadurch werden sie zugleich unabhängiger von globalen Lieferketten, möglichen Lieferengpässen und anderen internationalen Risiken.
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Luise Billen
Billen betonte: „Kunststoff ist aus dem Krankenhausalltag nicht wegzudenken. Er schützt Patientinnen und Patienten, ermöglicht sterile Behandlungen und unterstützt moderne Therapien.“
Daher bezeichnete sie eine hundertprozentige Plastikfreiheit als „Utopie“. Stattdessen nannte sie als mögliche Maßnahmen die Reduzierung von Abfällen, die Vermeidung unnötigen Verbrauchs, die längere sinnvolle Nutzung medizinischer Produkte sowie die Rückgewinnung von Rohstoffen. Als Beispiel verwies sie auf einen Modellversuch des Universitätsklinikums Bonn. Dort ergab die Sortierung von Kunststoffverpackungen einen Anteil von 45 Prozent recyclingfähigem Material. So schwer es manchmal scheint, Veränderungen zu bewirken – ihr Wunsch an die Krankenhausverantwortlichen lautete: „Transformation braucht Mut, Kooperation und Reflexion.“
Resilient gegen hybride Bedrohungen
An die Keynote von Matthias Vahrson knüpfte Dr. Markus Willing, CISO des Universitätsklinikums OWL am Standort Bielefeld-Bethel, in seinen Ausführungen zu „Physische Resilienz im Krankenhaus: Hybride Bedrohungen, Regulatorik, Technische Maßnahmen“ an. Hier zeigte er auf, dass Kliniken auch von hybriden Bedrohungen betroffen sind – physisch wie auf Cyberebene. Als Beispiel nannte er einen Stromausfall, der sich direkt auf IT und Telekommunikation, Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung sowie Logistik und Medizin auswirke. Hier seien gezielte Schutzmaßnahmen wie eine redundante Notstromversorgung unabdingbar. Dr. Willing betonte insbesondere die Bedeutung organisationaler Resilienz: von Notfallplänen über die Errichtung eines Krisenstabs, die Durchführung von Schulungen und Übungen bis hin zu resilienten Lieferketten. Denn der Gesetzgeber hat durch das am 17. März 2026 in Kraft getretene KRITIS-Dachgesetz zur Stärkung der physischen Widerstandsfähigkeit kritischer Infrastrukturen und das seit 6. Dezember 2025 geltende NIS2-Umsetzungsgesetz, das die Pflichten zur Cybersicherheit verschärft, den Druck auf die Kliniken deutlich erhöht.
Der 21. Krankenhaus-Umwelttag NRW ist für November 2027 geplant.