27. June 2013

Wertvolle Stunden

Alltagsbegleiterinnen fördern Kompetenzen und entlasten Angehörige

Natalina Atzlinger (48) und Irmtraud Gerken (55) arbeiten im Ambulanten Pflegezentrum des St.-Josefs-Krankenhauses Salzkotten (kurz: APZ). Sie sind Alltagsbegleiterinnen. Gemeinsam mit ihren acht Kolleginnen begleiten sie betreuungsbedürftige, häufig auch demenziell erkrankte Menschen individuell in ihrem Alltag. In die Pflege ihrer Kunden sind sie jedoch nicht eingebunden. Zu ihren Aufgaben gehören vielmehr die geselligen Dinge des Lebens: gemeinsames Spielen oder Vorlesen, Spaziergänge, Gespräche führen, Fragen beantworten oder auch ein gemütlicher Kaffeeplausch – intensive Betreuungszeit, die die Kollegen aus der ambulanten Pflege aufgrund ihrer schwierigen Rahmenbedingungen in dieser Form nicht aufbringen können. Doch von den Alltagsbegleiterinnen profitieren nicht nur die begleiteten Menschen selber, sondern in gleichem Maße auch deren Angehörigen. Denn sie werden in diesen Stunden von der Betreuung ihrer Lebenspartner oder Eltern entlastet und gewinnen so wertvolle Zeit für Erledigungen, private Termine oder einfach zum Abschalten – und zwar ohne schlechtes Gewissen. Denn ihre Angehörigen wissen sie in guten Händen.

In Abstimmung mit der Familie und den Betreuungsbedürftigen wird in einem Plan genau festgehalten, welche Betreuungsleistungen und damit verbunden welche Fördermöglichkeiten zum Erhalt der Alltagskompetenzen von den Alltagsbegleiterinnen erbracht werden sollen. Vorlesen für eine Kundin, die allein nicht mehr Lesen kann, beispielsweise. Spiele zur Stärkung der Gedächtnisleistung, gemeinsames Kochen mit einer passionierten Hobbyköchin, die dies allein nicht mehr kann. Bei Bedarf wird der Betreuungsplan angepasst. Darüber hinaus pflegen die Alltagsbegleiterinnen einen engen Austausch mit den examinierten Pflegefachkräften aus dem APZ. Jede hat einen festen Ansprechpartner, um Veränderungen weiterzugeben oder über aufgetretene Probleme zu berichten. Vorbereitet werden die Alltagsbegleiterinnen auf ihre Tätigkeit durch einen Initialpflegekurses, der sie im Umgang mit Pflegebedürftigen – insbesondere auch mit demenziellem Hintergrund – schult. Darüber hinaus treffen sie sich regelmäßig mit Teamleitung und Team, um sich auszutauschen und fortzubilden.

Das Herzblut, mit dem Natalina Atzlinger und Irmtraud Gerken ihrer Tätigkeit nachgehen, merkt man ihnen sofort an: „Wir verbringen ganz intensive Zeit mit den Menschen“, beschreibt Natalina Atzlinger. „Manche haben gar keine Angehörigen, die sich um sie kümmern können, oder die Angehörigen können eine so intensive Begleitung während der Woche berufsbedingt nicht leisten. Die Freude, wenn wir kommen, ist immer riesengroß.“ Schließlich kennt man sich und wird im Verlauf der Zeit miteinander vertraut: Denn die Kunden werden immer von der gleichen Alltagsbegleiterin betreut. „Das aller wichtigste ist, auf die Menschen einzugehen“, betont Irmi Gerken, die früher lange als Krankenschwester gearbeitet hat. Aus diesem Grund achten die Alltagsbegleiterinnen besonders auf die Interessen der von ihnen betreuten Menschen. „Eine meiner Betreuten hört sich zum Beispiel gerne Märchen an, eine andere Geschichten über Tiere, da sie noch nie im Zoo war“, schildert sie. „Man muss die Menschen erzählen lassen. So findet man gut heraus, was sie gerne machen und kann diese Dinge gezielt aufgreifen.“ Denn das gemeinsame Spielen, lesen und das Wachhalten von Erinnerungen hilft dabei, Fähigkeiten zu erhalten. „Mit einer meiner Betreuten spiele ich ein von der Familie gestaltetes Memory-Spiel mit den Gesichtern der Angehörigen. Das schult das Gedächtnis“, gibt sie ein Beispiel.

Bezahlt werden die Stunden der Alltagsbegleitung im Rahmen des Pflegeneuausrichtungsgesetzes durch die Pflegekassen. Seit 2013 werden je nach Betreuungsbedürftigkeit bis zu 200 Euro im Monat für die Alltagsbegleitung bewilligt. Je nach Anbieter sind dies immerhin zwei bis drei Stunden pro Woche. Voraussetzung für die Kostenübernahme ist eine Bescheinigung der eingeschränkten Alltagskompetenzen durch den Hausarzt. Infos zum Thema sind beim Ambulanten Pflegezentrum des St.-Josefs-Krankenhauses bei Pflegedienstleiter Klaus Vogel unter Telefon 05258/10-135 oder unter www.st-josefs.de erhältlich.