26. Mai 2014

Patienten und Mitarbeitende machen Stationentheater frei nach Carroll

Ruhrfestspiele 2014: Schlosspark verwandelt sich in Bühne

„Alice, who the f*** is Alice?” – genauso anarchisch wie in der weltberühmten Kinderbuchvorlage des Briten Lewis Carroll „Alice im Wunderland“ geht es in dem Theaterstück zu, das derzeit im Rahmen der Ruhrfestspiele Recklinghausen im Schlosspark Herten aufgeführt wird und in dem Alice sich auf der Suche nach der eigenen Identität fragt: „War ich dieselbe, als ich heute früh aufstand? Aber wenn ich nicht dieselbe bin, dann ist die Frage: Wer in aller Welt bin ich?“

In der LWL-Klinik Herten für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) haben sich 13 Patientinnen und Patienten sowie Mitarbeitende seit November letzten Jahres in einem theatertherapeutischen Projekt mit Fragen nach Identität und Auflösung, Realität und Traum, Anarchie und Regeln auseinander gesetzt. Das Ergebnis sind Texte, Bilder und Improvisationen an verschiedenen Stationen im Schlosspark. Kurzum: Die Zuschauer begeben sich gemeinsam mit den Akteuren auf eine Reise in ein Wunderland.

Bereits zum dritten Mal kooperieren die Ruhrfestspiele Recklinghausen mit der LWL-Klinik Herten. Stand dem Theaterteam in den beiden zurückliegenden Jahren ein Schauspiel-Profi zur Seite, so unterstützen die Ruhrfestspiele dieses Mal mit Kostümen, die die renommierte Kostümbildnerin Susann Bieling entworfen hat. Bieling wird neben Theaterproduktionen auch für Kino- und Fernsehproduktionen engagiert und war zum Beispiel für den Oscar-prämierten Kinofilm „Nirgendwo in Afrika“ tätig.

Ein weiteres Novum: die Bühne. Auch hierfür wurden im wahrsten Sinne des Wortes neue Wege beschritten. Gespielt wird nicht im Schloss, sondern im gesamten Schlosspark! „Damit wird der Spielort zum Sinnbild für Alices Suche nach sich selbst: Auf verschlungenen Pfaden findet sie über immer neue Begegnungen zu ihrer Identität“, so die künstlerische Leiterin Sandra Anklam, Drama- und Theatertherapeutin in der LWL-Klinik Herten.

Kurz zur wundersamen Geschichte: „Alice im Wunderland“ steckt voller wunderbarer Absurditäten. Alice fällt in ein Kaninchenloch, und die Zeit läuft, sie läuft anders als bisher, und Alice läuft ihr hinterher und sucht dabei sich selbst. In einer skurrilen Welt zwischen Traum und Realität passen Raum und Zeit nicht mehr zueinander. Die Sprache entwickelt ein Eigenleben, und Identitäten verschwimmen, verstören, sind flüchtig und paradox. In dieser Traumwelt, in der alles und zugleich nichts möglich ist – in der alte Regeln keine Orientierung mehr geben –, ist Alice immer wieder gefordert, Stellung zu beziehen. Findet sie hier, wo nichts ist wie zuvor und doch so vieles vertraut scheint, ihr wahres Ich?

Gemeinsam mit Dr. Silke Echterhoff, als Fachärztin in der LWL-Klinik Herten für die ärztliche Leitung des Theaterprojekts zuständig, hat Sandra Anklam in den zurückliegenden Monaten die Proben koordiniert. „Mit dabei waren wieder Patientinnen, Patienten und Mitarbeitende jeden Alters, die Interesse hatten, sich in einem theatertherapeutischen Projekt zu erproben, auszuprobieren und Neues zu entdecken“, so die Ärztin über die Mitwirkenden und deren Einsatz an der Schnittstelle von Kunst und Heilung. „Theatervorerfahrungen waren nicht notwendig, lediglich die Lust und die Bereitschaft, sich in einen lebendigen Prozess von Suchen und Finden zu begeben.“

Hintergrund:
Sandra Anklam und Silke Echterhoff gründeten vor drei Jahren die Theatergruppe. Beide brachten Erfahrungen mit: Anklam ist nach wie vor u.a. auch als Regisseurin für das Schauspielhaus Bochum tätig und begleitete zusammen mit ihrer Kollegin Echterhoff eine Theaterproduktion im LWL-Universitätsklinikum Bochum für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatische Medizin und Präventivmedizin, die im Jungen Schauspielhaus schließlich aufgeführt wurde. Für ihr Debüt bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen mit Dostojewskis „Traum eines lächerlichen Menschen“ unter der Regie von Sandra Anklam erhielt die LWL-Klinik Herten 2012 den Anti-Stigma-Preis der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN).

Die LWL-Klinik am Schloss in Herten behandelt Menschen mit Depressionen, Psychosen, Persönlichkeitsstörungen, Demenzen und Abhängigkeitserkrankungen – in Form von ambulanten, tagesklinischen, teilstationären und stationären Angeboten. In diesem Rahmen können Patientinnen und Patienten auch das theatertherapeutische Angebot der Klinik wahrnehmen, bei dem mit Hilfe von Rollenspielen und Übungen unter anderem das Selbstbewusstsein gefördert wird. „Dass wir bereits zum dritten Mal bei den Ruhrfestspielen mitwirken dürfen und unser Theaterstück neben den professionellen im Programm genannt wird, ehrt uns“, freut sich Dr. Luc Turmes, Ärztlicher Direktor der LWL-Klinik Herten. „Dies bedeutet den Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leiden, sehr viel und zeigt uns, dass sich die Gesellschaft öffnet.“

Bildzeile:
Regisseurin Sandra Anklam, Drama- und Theatertherapeutin in der LWL-Klinik Herten (Bildquelle: Wolfgang Kühnen)